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Fire burning in Snow: Leidenschaft und Kontraste

Ex Cathedra | Jeffrey Skidmore, Hyperion


CD Rezension von Isabelle Métrope, ICM Redaktionsleiterin, Deutschland/Frankreich

 

Mit Fire burning in Snow spielte das britische Ensemble Ex Cathedra unter der Leitung seines Gründers Jeffery Skidmore spannendes Barockrepertoire aus Lateinamerika, insbesondere des Komponisten Juan de Araujo (1648-1712) ein. Diese Aufnahme wurde bereits 2008 veröffentlicht, und sowohl das Repertoire als auch die Qualität der Interpretation machen sie zu einem Muss in der Diskothek.



Der Komponist Juan de Araujo wurde in Spanien geboren, zog aber bald mit seinen Eltern nach Südamerika. Nach einigen Stationen in Lima, Panama und Cusco wurde er schließlich Organist an der Kathedrale von La Plata – heute Sucre, die Hauptstadt Boliviens, eine Stelle, die er 32 Jahre innehatte. Diese ermöglichte es ihm, professionelle Musiker zu engagieren und eine breite Palette an Instrumenten zu verwenden. Über den Menschen Araujo weiß man wenig, doch sein musikalisches Können entfaltete sich sowohl im akademischen Stil für die Kirchenmusik als auch in Villancicos, diesen Volksliedern mit tänzerischen Elementen. Es ist also nicht weiter überraschend, dass beide Stile in seinen Kompositionen zu finden sind.

Mit Hanacpachap cussicuinin, dessen 20 Strophen einen roten Faden durch die CD darstellen, wird der Zuhörer sofort in den Bann der lateinamerikanischen musikalischen Energie gezogen. Nicht nur soll dieses Stück in Quechua-Sprache die erste gedruckte Partitur polyphonischer Vokalmusik in ganz Amerika gewesen sein. Es gehört außerdem der Sammlung Ritual Formularia an, von Juan de Peréz Bocanegra: diese war ein zweisprachiges Handbuch für Pfarrer – auf Quechua und auf Spanisch – und bezog sich auf Traditionen des Christentums und der Inkas. Höchstwahrscheinlich die erste interkulturelle und interreligiöse Publikation! Wie die meisten Stücke auf dieser CD wird hier Hanacpachap cussicuinin zum ersten Mal vollständig eingespielt.


Araujos Dixi Dominus für drei Chöre ist bezaubernd: die klangliche Umarmung der europäischen Mehrchörigkeit trifft die Energie der Villancicos. An diesem Stück hätte Claudio Monteverdi sicher Gefallen gefunden! Auch die Echo-Klänge von Silencio erinnern an die Arbeit italienischer Komponisten mit der Kirchenarchitektur und würden sich für eine immersive Aufführung mit an verschiedenen Stellen platzierten Chören und Solisten hervorragend eignen. Besonders charmant ist das Liebesduett mit Gott: Dios de amor, hier von einem Countertenor und einem Sopran gesungen. Weitere Werke für kleinere Ensembles bilden interessante Kontraste mit feurigen Chorwerken (¡A, de la región de luces! erinnert in seinen gewagten Harmonien an die Wendungen von Carlo Gesualdo!). Die musikalische Darstellung eines Stierkampfes unter dem Namen ¡Salga el torillo bosquillo! des andalusischen Komponisten Diego José de Salazar (ca. 1660-1709) ist vielleicht das außergewöhnlichste kirchenmusikalische Werk dieser Einspielung. Der Matador verwandelt sich in die Jungfrau Maria: das Werk ist der Virgen de Guadalupe gewidmet, die jährlich am 8. September in Sucre gefeiert wird, um eine kleine Kapelle nahe der Kathedrale herum. Das Stück ¡Salga el torillo bosquillo! entstand vermutlich anlässlich einer dieser Festlichkeiten.


Ex Cathedra (Birmingham, UK) besteht aus einem Chor, einem Vokalensemble, einem Instrumentalensemble für Barockmusik und einer Chorschule, die mit dem Birmingham Conservatoire zusammenarbeiten. Auf dieser CD sind das Ex Cathedra Consort (Vokalensemble) sowie das Ex Cathedra Baroque Ensemble zu hören. Die 14 Sänger:innen bringen Präzision, Intonationssicherheit und musikalische Energie und wissen sich in einen homogenen Klang mit den historischen Instrumenten und den Instrumenten aus Lateinamerika einzufinden. Die CD Fire burning in Snow ist beim britischen Label Hyperion erhältlich.


Isabelle Métrope ist Sängerin, Chorleiterin und Chefredakteurin des International Choral Bulletin. Sie studierte Sprachen & Wirtschaft sowie Musikmanagement, außerdem Dirigieren, Gesang und Musikpädagogik. Abgesehen vom Singen - solistisch und in mehreren Berufschören - gehören Layouten, Übersetzen, Kuchenbacken, Fotografieren und Reisen um das Mittelmehr zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. choralmagazine@ifcm.netisabellemetrope.com

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