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Interview mit Marie Herrington, Gewinnerin des IFCM-Wettbewerbs für Chorkomposition

Arjay Viray, Mitglied des Redaktionsausschusses, Philippinen

 

 

Marie Herrington hat 2023 den IFCM-Wettbewerb für Chorkomposition in der Kategorie Gemischte und/oder Gleiche Stimmen gewonnen. In diesem Interview spricht sie über kreative Prozesse, was sie beeinflusst, ihre Ansichten über Komposition und das Kunstschaffen überhaupt und natürlich über das Preisträgerstück „The Jellyfish“ („Die Qualle“) – die Vertonung eines Gedichts von Marianne Moore.



Zurzeit ist Marie an einer Kirchengemeinde in Baltimore, Maryland, als Musikdirektorin in Vollzeit beschäftigt. Dort leitet sie zwei Chöre: einen Handglockenchor und ein semiprofessionelles Ensemble. Sie genießt es, für ihre diversen Chöre zu schreiben, und nebenbei widmet sie sich vielen interessanten Projekten:

In der übrigen Zeit mache ich musikalisch noch verschiedene Sachen. Manchmal kriege ich Aufträge, für jemanden Songs zu schreiben – also, Leute schicken mir ihre Ideen und sagen: „Hi, kannst du mir davon Aufnahmen machen?“ … Oder ich transkribiere für andere – manchmal schicken mir Leute Songs, die ihnen gefallen und von denen sie Notentranskriptionen wollen.

Als Sängerin und Komponistin im Klassikbereich arbeitet sie auch mit lebenden Komponist*innen zusammen und schreibt Musik für unterschiedliche Sänger*innen, sich selbst eingeschlossen. Über verschiedene Organisationen versucht sie, eine Konzertreihe aufzubauen; sie versteht diese Konzerte als musikalische Räume:

Ich arbeite daran, von meinem Wohnzimmer aus eine virtuelle Konzertreihe zu etablieren. Ich hoffe, dass ich einfach so viele verschiedene musikalische Räume wie möglich erschaffen kann.

Marie ist überzeugt, dass ihre Erfahrung als junge Komponistin den Großteil ihrer künstlerischen Arbeit sehr prägt – auch die CD mit Vokalmusik, die sie veröffentlicht hat:

… Ich glaube, dass mein Alter viel mit meinem kreativen Schaffen zu tun hat. Ich versuche, mit meiner Stimme so viel zu machen, wie ich kann. Vor kurzem habe ich ein Album mit ausschließlich Vokalmusik herausgebracht, darauf gibt es nur meinen Gesang und elektronische Effekte, die ich über die Stimme gelegt habe. Und dieses Album halte ich immer noch für Post-Klassik oder neue Avantgarde-Musik, aber ich denke, viele würden das überhaupt nicht für besonders klassisch halten …

Auf die Frage nach Einflüssen auf ihre Musik meint Marie:

Zufälligerweise kommen viele meiner musikalischen Einflüsse von Filmkomponist*innen … Aber auch Musiker*innen wie Bjork, Radiohead und eine ganze Reihe anderer experimenteller Musiker*innen oder der Avantgarde haben mich stark beeinflusst. Ich gebe mir Mühe, so viel wie möglich Musik aus der ganzen Welt zu hören. Die Welt hat einfach so viel zu bieten…

Später im Interview, als es um ihre Siegerkomposition geht, zollt Marie auch dem Komponisten Ola Gjeilo Tribut für den Einfluss, den er auf ihre Musik gehabt hat:

… Und das habe ich wirklich von Ola Gjeilo. Er ist der Komponist, den ich im Sinn hatte, als ich das gemacht habe. Er hat mich dieses Jahr viel inspiriert. Am Anfang des Jahres hat mein Chor „The Dark Night of the Soul“ von Ola Gjeilo aufgeführt … dieses Stück hat mich einfach unglaublich inspiriert…

Marie gibt auch viele Einblicke in ihren Umgang mit Texten und Musik unter anderem aus der Post-Klassik und Avantgarde:

… aus irgendeinem Grund bin ich jetzt in einem Stadium wo, wenn mir der Text genug gefällt, ich ihn durchgucken kann und ich dann schon fast hören kann, wie er klingen soll …
Aber wenn es um Avantgardemusik geht, muss ich zu jemandem, der mein Album hört, sagen – wenn dann irgendwelche Stimmeffekte oder so gehört werden – das alles bin ich und meine Stimme. Die einzigen elektronischen Effekte, die ich auf die Stimme draufgepackt habe, waren unterschiedliche Filter, unterschiedliche Kompressoren, Hall und so was…
… die menschliche Stimme kann einfach so viel, und besonders in der A-Cappella-Musik fällt auf, dass diese Verdopplungen immer häufiger genutzt werden, und ich persönlich glaube, dass wir da gerade erst am Anfang stehen … Was die Chormusik im Besonderen angeht, habe ich das Gefühl, dass es noch etwas dauern wird, bis sich die Vielfalt unterschiedlicher Stimmklänge abseits von Summen oder Regengeräuschen wirklich verbreitet. Aber ich bin mir sicher, dass wir wirklich kurz davorstehen, diese wunderschöne kreative Welt zu erkunden.

Sie erzählt auch offen von ihren ukrainischen Wurzeln und ihrem Wunsch, sprachlich und musikalisch für das Land und seine Kultur Partei zu ergreifen:

… Ich bin halb ukrainisch – meine Mutter wurde in der Ukraine geboren, hat in der Sowjetunion gelebt und meine Halbschwester noch in der Sowjetunion zur Welt gebracht. Und inmitten von all dem haben sie es geschafft, in die Vereinigten Staaten zu ziehen, was für eine Frau in einem armen Gebiet in der Ukraine eine echt, echt große Herausforderung war. … Meine Verwandten dort drüben in der Ukraine zu sehen und viele von ihnen kennenzulernen und all das – es ist alles so anders als Amerika. Und seit dieser Krieg angefangen hat, hat das nicht nur Amerikanern, sondern auch vielen anderen Ländern und Kulturen der Welt die Augen geöffnet. … Es ist leider wirklich traurig das sagen zu müssen, aber, na ja, die Ukraine scheint, wenn man im Alltag mit amerikanischen Staatsbürgern spricht, immer so ein vergessenes Land zu sein. In der Regel wissen sie nicht, wie die Flagge aussieht, oder was das Land alles exportiert hat, was die Hauptstadt ist, all so etwas. Aber inzwischen wissen alle viel mehr, kennen auch das Landessymbol, die Sonnenblume, all das ist jetzt so viel bekannter in der Welt … das hat mich einfach dazu bewegt, mich noch mehr für andere ukrainische Stimmen einzusetzen.

Anschließend sprechen wir über ihr Preisträgerstück, The Jellyfish. Sie ist so freundlich, uns an ihrem kreativen Prozess während der Entstehung des Stücks teilhaben zu lassen.

Ich dachte mir, es wäre eine ungewöhnliche Wahl und würde genau deshalb Spaß machen. Ich kam darauf, das Stück in unterschiedliche Sätze zu unterteilen, weil ich dann mit der Musik für jedes einzelne Szenario wirklich individuelle Bilder schaffen könnte. Zuerst schaut man sich etwas an, dieses unglaubliche Spektakel … das ist aber etwas anderes, als es zu berühren. Da kommt dann der Umschwung von einer staunenden zu einer unternehmungslustigen Haltung. … Satz zwei ist viel abenteuerlustiger, und es gibt diese Arpeggien, die ständig in Bewegung sind. … Und dann, im dritten Satz, das kennen wir alle: Die Qualle schwimmt weg. Wir bewegen uns also von dieser Bewunderung, „Oh mein Gott! Wie faszinierend! Wie cool! Wie wunderschön!“, zu „Oh, wow, ich fasse sie an, ich mach’s!“, und dann schwimmt die Qualle weg, und es gibt diese Enttäuschung. Ich hatte einfach das Gefühl, an diesen vollen Akkorden und besonders an der Dominante hängen zu bleiben – ich dachte mir, das erschafft eine Szene der, ich will gar nicht sagen Enttäuschung, weil das Stück ja nicht wirklich in einer traurigen Stimmung endet. Ich glaube schon, dass, egal was für ein*e Protagonist*in dieses ganze Szenario erlebt, sie diesen ganzen Ablauf schon wirklich genossen hat, aber es endet mit der Enttäuschung, dass die Qualle weggeschwommen ist.

Sie spricht auch über ihre Versuche mit kurzen Stücken, kurze Texte zu verarbeiten und über andere Faktoren bei der Textauswahl für Vertonungen, genauso wie das Einstehen nicht nur für ukrainische Dichter*innen sondern auch für Dichterinnen:

Es war sogar das erste Gedicht, das Marianne Moore geschrieben hat. Ein weiterer besonderer Grund, weswegen ich ihre Gedichte benutzen wollte, ist einfach die Tatsache, dass, obwohl wir 2023 haben, es immer noch nicht so viele gefragte Dichterinnen und auch nicht so viele gefragte Komponistinnen gibt. Und ich liebe diese Doppel-Power von „weibliche Komponistin, weibliche Dichterin“ … wir alle wissen, dass es in Bezug auf Publicity und Zugang diese Ungleichheit immer noch gibt … Was immer ich tun kann, um das zu ändern – ähnlich wie bei den ukrainischen Dichter*innen – es ist einfach toll, mit Dichterinnen zu arbeiten und diesen Menschen solche Gelegenheiten zu bieten.
… Ich glaube schon, dass ich – besonders als junge Komponistin – auf andere Art über das Timing von Stücken nachdenke. Ich habe das Gefühl, dass Stücke, die von kürzerer Dauer sind, immer beliebter werden. … Als ich mein Album geschrieben habe, habe ich auch ausprobiert, Stücke zu machen und zu schreiben, die nur etwa drei oder vier Zeilen Text haben, oder manchmal nur einen Satz. Ich habe da dieses eine Stück geschrieben – das war nicht im Album – das war nur ein Franz-Kafka-Zitat über Leid, und das ist ein sehr, sehr kurzes Zitat. … Ich glaube, ich habe daraus ein etwa drei bis vier Minuten langes Stück für Stimme und Elektronik gemacht, einfach so als lustiges kleines Experiment. Mit all dem will ich sagen, dass sowohl mit kurzen Gedichten und einfach, na ja, Musik die nicht lange dauern muss, kreativ viel erreicht werden kann.

Auf die Frage, was es ihr denn bedeute, den IFCM Wettbewerb für Chorkomposition gewonnen zu haben, meint Marie:

Ich habe so viel von meinem Leben damit verbracht, Opernsängerin zu sein und als Sängerin mit Komponisten zu arbeiten … Meine erste echte Chance als Komponistin habe ich erst vor etwa einem Jahr bekommen. Also ist die Tatsache, dass ich jetzt einen internationalen Wettbewerb gewonnen habe, und dann auch noch einen von der Internationalen Föderation für Chormusik, für mich wirklich riesig. Die Vorstellung, mich nicht nur all diesen Menschen außerhalb der westlichen Welt zeigen zu können, sondern auch all diese wunderbaren Musiker und Komponisten aus anderen Ländern kennen zu lernen, mit denen ich sonst nicht in Kontakt gekommen wäre. Das ist das, was mir am meisten bedeutet, und es beruht auf meinem Wunsch, unterschiedliche Kulturen und so etwas teilen zu wollen.

Ihre abschließenden Worte und Mitteilung an andere junge Komponist*innen und solche, die es werden wollen:

… der beste Rat an junge Komponist*innen ist, rauszugehen und etwas zu erschaffen. … Meine beste Mentorin aller Zeiten, Libby Larsen, hat mir beigebracht, immer auf die eigene Muse zu hören. … Wir alle haben eine Stimme in uns. Höre immer auf diese Stimme und lasse sie im eigenen Schaffen und der eigenen Kreativität aufleuchten. Es geht nicht darum, dass diese Person einen besser oder eine andere Person einen vielseitiger findet. Und es geht auf gar keinen Fall darum, die Welt der Komposition zu revolutionieren. Es geht einfach darum, Kunst zu machen, die eigene Stimme zu erheben und die von anderen hoch zu halten. … Es ist total, total leicht, sich in negativen Denkmustern zu verlieren. Aber letzten Endes erschafft man Kunst … Kunst ist Freude.

 



 

Arjay Viray is a choral conductor, educator, researcher, and curriculum designer. He currently teaches full-time at Guang Ming College in Tagaytay City, the Philippines, running courses in Music Theater and the Performing Arts. teacherarjayviray@gmail.com


Übersetzt aus dem Englischen von Peter Dahm Robertson, Deutschland

 

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