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Requiem – Tanzen auf Chormusik

Isabelle Métrope, Redaktionsleiterin des International Choral Magazine


Choreography: Kenneth MacMillan Dancers: Friedemann Vogel, Clemens Fröhlich, Anna Osadcenko, Martí Fernández Paixà, Christopher Kunzelmann, Jason Reilly © Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett

Es ist 19:40 Uhr an einem kalten Novemberabend in Stuttgart, Deutschland. Das Opernhaus ist ausverkauft, 1400 Menschen erleben ein Ballett, das die hiesige Ballettschule geprägt hat: Initialen R.B.M.E. von ihrem Gründer John Cranko, 50 Jahre zuvor verstorben. Die Musik dazu ist nicht minder mit Stuttgart verbunden: Brahms 2. Klavierkonzert wurde ausgerechnet in der Landeshauptstadt am 22. November 1881 (nach der UA in Budapest) zum ersten Mal in Deutschland aufgeführt. Während im Saal alle Blicke bereits auf die Bühne gerichtet sind, trudeln am Künstlereingang die Sängerinnen und Sänger des figure humaine kammerchor, dem jüngsten unter den professionellen Kammerchören Stuttgarts, ein. Moment mal… ein Chor? Im Ballett?

 

Im Juli und Oktober 2023 wurde in Stuttgart eine Produktion namens Remember Me veranstaltet. Diese war Teil einer Reihe zu Ehren von John Cranko (1927-1973), Tänzer, weltbekannter Choreograf und Gründer der exzellenten Stuttgarter Ballettschule, die heute seinen Namen trägt. Neben Crankos Ballett Initialen R.B.M.E. wurde Requiemgetanzt, ein Ballett von Kenneth MacMillan, das er als Erinnerung an seinen Freund John Cranko schuf. Unter den Besonderheiten von Requiem befindet sich eine der musikalischen Art: Während Ballettmusik meist rein orchestral ist, wird dieses Ballett auf Gabriel Faurés Requiem op. 48 getanzt. Stellt die menschliche Stimme als besonderes Instrument eine neue Herausforderung dar? Welche andere Dimension bringt sie mit? Wir haben Tamas Detrich, Intendant des Stuttgarter Balletts, sowie Mikhail Agrest, Musikdirektor des Stuttgarter Balletts, Martí Paixà, Erster Solist am Stuttgarter Ballett und nicht zuletzt Franziska Klein und Simon Meder, Mitglieder des figure humaine kammerchor, nach ihren Eindrücken zu dieser Erfahrung gefragt.

 

Geschichte

Strawinsky sagte, dass alle Musik, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde, Tanzmusik sei.

Musik und Tanz sind schon immer verbunden, doch die Rolle der Musik im Ballett hat sich in den letzten Jahrhunderten stets weiterentwickelt. Wir haben Mikhail Agrest, Musikdirektor des Stuttgarter Balletts, um einen kleinen Rückblick gebeten.


„In den Anfängen des Balletts war die Musik nur ein bescheidener Diener, sie wurde ganz utilitaristisch eingesetzt. Marius Petipa sagte: „Ich brauche 16 Takte von diesem Rhythmus und dann 8 Takte von jenem“. Sie war nur eine Kulisse, um die Virtuosität eines bestimmten Tänzers zu zeigen. Ähnliches geschah auch in der Oper jener Zeit: Mozart komponierte verschiedene Arien für Don Ottavio in Wien, um die Stärken eines bestimmten Tenors hervorzuheben. Die musikalische Integrität des Abends als Ganzes stand also nicht im Vordergrund des Interesses. Im 19. Jahrhundert wurde die Ballettmusik dank der großartigen Partituren von Tschaikowsky ‚symphonischer‘ und zu einem vollwertigen künstlerischen Partner. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand das Ballett an der Spitze der Musikszene, als einige der großen Werke wie Strawinskys Feuervogel, Petruschka, Sacre du Printemps, große Werke von Prokofjew, Ravels Daphnis et Chloé dank des großen Visionärs Djagilew für Ballett in Auftrag gegeben wurden. Die großen Choreografen wie Balanchine, Cranko, Neumeier und nicht zuletzt MacMillan nutzten musikalische Meisterwerke als Grundlage für ihre großartigen Ballette.“


Wenn Djagilew ein Werk in Auftrag gab, entstand Ballettmusik – der Tanz wurde im Kompositionsprozess mitbedacht. Wenn aber das musikalische Stück zuerst da ist, sind die Herausforderungen anderer Art. Für Denis Rouger, den künstlerischen Leiter des figure humaine kammerchor, haben „alle Meisterwerke eine starke Fähigkeit, Emotionen zu wecken, und reißen das Publikum mit nahezu absoluter Gewissheit mit, was für Choreografen natürlich interessant ist. Für viele dieser Stücke fordert allein das Zuhören eine hohe Konzentration. Diese geht allerdings teilweise verloren, wenn sich der Zuhörer infolge der Choreografie zu stark auf das Sehen konzentrieren muss. Nur geniale Choreografen sind in der Lage, Rücksicht auf das Zuhören/die Musik zu nehmen und mit ihrem Ballett die künstlerische Bedeutung des Werkes zu erweitern. Diese ‚Übung‘ kann allerdings durchaus auch gefährlich sein, denn einige Stücke überleben zwar diesen geschwächten Zustand, andere erholen sich jedoch nicht mehr davon...“


Geistliche Musik wird selten mit Ballett in Verbindung gebracht. 1976, drei Jahre nach dem Tod seines Freundes John Cranko, wird Kenneth MacMillans Ballett Requiem zu Faurés Requiem op. 48 uraufgeführt. MacMillan prägte die Ballettgeschichte mit dramatischen bis hin zu tragischen Handlungsballetten, oft zu kontroversen Sujets und inneren Konflikten. „Requiem“ ist eines der Lieblingswerke des Stuttgarter Ballettintendanten Tamas Detrich. „Es ist einerseits abstrakt, erzählt aber doch eine Geschichte von Verlust und Hoffnung. Ich selbst war damals, als Requiem 1976 beim Stuttgarter Ballett entstanden ist, ein junger Student. Deshalb hat das Werk auch eine persönliche Bedeutung für mich. Es ist eine Hommage an unseren Gründervater John Cranko, und der Gesang spielt in diesem Stück eine sehr große Rolle“, so Detrich.


Choreography: Kenneth MacMillan Dancers: Anna Osadcenko, Daiana Ruiz, Clemens Fröhlich, Mackenzie Brown, Christopher Kunzelmann, Alicia Torronteras © Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett

Verbindung Sänger – Tänzer, Atmung und Flexibilität

Ballett mit Gesang ist nicht zuletzt für die Tänzer ungewohnt. Für Tamas Detrich „bringt Gesang eine ganz neue Komponente mit ein, die in der alltäglichen Arbeit so nur selten vorkommt. Für die TänzerInnen ist es eine andere Art von Arbeit und auch eine große Herausforderung: Ein Chor bzw. ein Solist oder eine Solistin macht jede Vorstellung nochmal auf seine ganz eigene Art und Weise individuell.“ Selbst erfahrene Tänzer wie Martì Fernández Paixà, Erster Solist im Stuttgart Ballett, kann die Produktionen an einer Hand abzählen, die er mit Vokalmusik – meist lediglich mit Solisten – tanzen durfte. „In meiner ersten Spielzeit als Eleve[1] stand Das Lied von der Erde von Kenneth MacMillan auf dem Programm [welches in Stuttgart unter Crankos Leitung uraufgeführt worden war, nachdem das nachdem das Royal Ballett in London ein Ballett zu dieser Musik abgelehnt hatte!]. Dort stehen zwei SängerInnen mit auf der Bühne. Außerdem habe ich 2017 in Tod in Venedig von Demis Volpi getanzt, das eine Koproduktion mit der Staatsoper Stuttgart war“, so Paixà. In beiden Fällen standen die Sänger auf der Bühne und tanzten teilweise mit. Ganz anders ist es, wenn der Chor zusammen mit dem Orchester im Graben steht und die gemeinsame Gestaltung, das gemeinsame Atmen allein über das Gehör, das Gefühl und die Ausstrahlung und Arbeit des Dirigenten vereint werden können.


[1] Als Eleve/Elevin werden die Schüler der Ballettschule während ihrer praktischen Ausbildung bezeichnet.

Wenn man eine Mahler- oder Brahms-Partitur choreographiert, muss man aufgrund der klaren Phrasierung, der Struktur und der Dynamik der Musik wirklich folgen, um keine Dissonanz zwischen den visuellen und den akustischen Bildern zu erzeugen. Mikhail Agrest

Martí Fernández Paixà hat die zusätzliche Dimension mit all den Herausforderungen genossen: „Die menschliche Stimme bringt ein anderes Gefühl mit sich und eine ganz andere Art von Inspiration auf der Bühne. Man muss auch etwas flexibler sein, weil sich natürlich auch jeden Tag etwas ändern kann. Sei es das Tempo oder auch das ‚Gefühl‘. Bei den Solisten hat man deutlich gehört, dass es über die Produktion hinweg verschiedene Besetzungen gab – das war spannend, weil natürlich jeder ein bisschen anders atmet und andere Akzente setzt.“


Sänger, Tänzer, Instrumentalisten: Alle müssen atmen, doch alle tun es auf ihre eigene Art. Während die Tänzer eine Verbundenheit mit der Atmung des Chores gespürt haben, bekam Dirigent Mikhail Agrest, der beide Ensembles und dazu das Orchester in einen gemeinsamen Fluss zusammenbringen musste, einen ganz anderen Eindruck: „Tänzer und Sänger atmen auf sehr unterschiedliche Weise. Es ist sehr wichtig, einen Weg zu finden, die Musik fließen und für alle Beteiligten organisch atmen zu lassen, damit das Ergebnis von den Zuschauern als natürlich empfunden wird.“ Doch sowohl den Mitwirkenden als auch dem Publikum wurde schnell klar, dass Tänzer und Sänger stark voneinander inspiriert wurden. „Man sah es an den Bewegungen, hörte es an den Stimmen und sah es in den Augen,“ so Mikhail Agrest.

 

Singen im Graben

Die Einstudierung des Werkes für den Chor fand zunächst wie gewöhnlich im Probenraum statt. Doch sobald zusammen mit der Compagnie geprobt wurde, wurde viel Flexibilität verlangt – plötzlich kamen Tanzästhetik, Bewegung und Kraft zum Klang dazu. „Dies erforderte für den Chor in einem zweiten Schritt eine besondere Vorbereitung“, so Denis Rouger, künstlerischer Leiter des figure humaine kammerchor. Franziska Klein, Sopranistin im Chor, berichtet von ihrem Empfinden: „Wir mussten immer wieder unsere Tempi an die der Tänzer anpassen. Teilweise so stark, dass sich der Charakter einzelner Stücke vollständig gewandelt hat. Aber es war faszinierend, weil sich die Musik vordergründig dem Tanz unterzuordnen hatte, aber gerade in dieser Symbiose etwas ganz Neues entstanden ist, was zusammen wahnsinnig gut funktioniert hat“.


Für Orchestermusiker ist es der Alltag, für Sänger die Ausnahme: Während manche Solisten des Fauré Requiems bereits bei früheren Produktionen auf der Bühne der Staatsoper Stuttgart gesungen hatten, standen sowohl sie als auch die Mitglieder des figure humaine kammerchor noch nie zuvor im Graben. „Es war natürlich erst einmal aufregend, überhaupt im Graben zu singen mit dieser speziellen Akustik, einer Mischung aus trocken und doch tragend", so Franziska Klein. Außerdem ist der Graben so konzipiert, dass einerseits der Blick des Publikums auf die Bühne gelenkt wird, und der Dirigent sowohl Instrumentalisten (und ggf. den Chor) als auch das Geschehen auf der Bühne im Blick hat. Was fast nie der Fall ist, ist, dass wiederum die Menschen im Graben die Bühne sehen. Für die Instrumentalisten ist es vollkommen üblich, da sie immer in Richtung Saal spielen und schauen. Für den Chor war es sehr ungewohnt, zudem dieser aufgrund der niedrigen Tiefe des Grabens neben dem Orchester stand – und nicht dahinter. Somit ergaben sich zwei ungewohnte Eindrücke: verglichen zur Saalorientierung seitlich singen, und das Hauptgeschehen nicht mitbekommen: „Etwas schade war natürlich, das ‚worum es geht' nicht zu sehen“, so der Eindruck Simon Meders, Chorsänger. „Gleichwohl bestand aber die Möglichkeit, in der ersten Hälfte vom Bühnenrand zuzusehen, wenn der Chor noch nicht singen musste, oder aber eine Vorstellung als Gast zu besuchen, wenn man nicht im Chor eingeteilt war“.


Die Sängerinnen und Sänger des figure humaine kammerchor hatten alle noch nie zu Ballett gesungen und schätzen diese Erfahrung sehr. Das Atmen, die Gestaltung der musikalischen Phrase werden auf einmal optisch wahrnehmbar und die Verbindung zum menschlichen Körper – bei Tänzern wie bei Sängern das eigentliche Instrument! – wird sichtbar.

 

Mehr davon!

Worüber sich alle Beteiligten einig sind – und auch viele der ca. 10 000 Zuschauer, die „Requiem“ erlebt haben: Sie möchten mehr davon. Mehr Synergien, mehr Inspiration durch Werke, die unterschiedliche Kunstsparten zusammenbringen. Mehr glänzende Sängeraugen beim Mitsingen mit den Tänzern zusammen, mehr Stimme, auf der sich tief und innig tanzen lässt. Mehr Gesamtkunstwerke, bei denen Orchesterklang, menschliche Stimme und Tanz ineinander verschmelzen, wünscht sich auch Dirigent Mikhail Agrest: „Ich hoffe, dass mehr Choreografen den Mut haben, sich an große musikalische Werke heranzuwagen, denn zusammen mit einer inspirierten Choreografie ist dies ein unschätzbarer Baustein, um das bewegendste und künstlerisch bereicherndste Theaterprodukt zu schaffen, das wir als Künstler unserem Publikum in solch schwierigen Zeiten zu bieten haben.“

 

Seit über 60 Jahren tanzt das Stuttgarter Ballett an der Weltspitze. Mit über 70 TänzerInnen aus mehr als 23 Nationen und Gastspieleinladungen in aller Welt ist die Compagnie von der internationalen Ballettbühne nicht mehr wegzudenken. Das breit gefächerte Repertoire begeistert sowohl LiebhaberInnen des klassischen Balletts als auch AnhängerInnen des zeitgenössischen Tanzes. Im Jahr 1961 begann mit der Berufung des Choreographen John Cranko zum Ballettdirektor eine neue Ära. Beim ersten USA-Gastspiel des Stuttgarter Balletts unter Crankos Leitung im Jahr 1969 prägten amerikanische KritikerInnen den Begriff vom „Stuttgarter Ballettwunder“ und machten die Compagnie international berühmt. Alle weiteren DirektorInnen der Compagnie folgten John Crankos Zielrichtung und setzten auf neue kreative Impulse, die das Stuttgarter Ballett an der Weltspitze hielten. Zur Spielzeit 2018/19 ernannte der Verwaltungsrat der Staatstheater Stuttgart einstimmig den ehemaligen Ersten Solisten Tamas Detrich zum Ballettintendanten. Dieser blieb der Linie seiner VorgängerInnen treu und pflegte insbesondere die Tradition der Neukreationen und die Erweiterung des vielseitigen Repertoires. Bis heute gilt das Stuttgarter Ballett mit seinen Gastspielen in alle Welt als begehrter kultureller Botschafter. Durch langjährige Vermittlungsarbeit und hervorragende TänzerInnen sowie Neuproduktionen hat die Compagnie in der Stadt Stuttgart und der Region einen beispiellosen Tanzenthusiasmus entfacht.

 

figure humaine ist ein junger, professioneller Kammerchor, der sich der Pflege und Förderung deutsch-französischen Chor- und Liedgutes des 19. bis 21. Jahrhunderts verschrieben hat. Das im Jahr 2016 gegründete Ensemble bietet unter der Leitung von Denis Rouger Vokalmusik auf höchstem Niveau und bezaubert durch einen besonderen Chorklang, warm und homogen. Inzwischen ist der Chor eine feste Größe des Stuttgarter Konzertlebens und regelmäßig zu Gast bei namhaften Konzertreihen und Festivals im In- und Ausland, darunter den Ludwigsburger Schlossfestspielen, dem Europäischen Kirchenmusikfestival Schwäbisch Gmünd und dem Festival Les Rencontres musicales in Vézelay (Frankreich). Eine enge Verbindung pflegt das Ensemble mit den Stuttgarter Philharmonikern sowie den zeitgenössischen Komponisten Philippe Mazé und Axel Ruoff. Zudem wurde figure humaine 2023 vom Stuttgarter Staatsballett engagiert.

Mit dem Carus-Verlag sind 2018 und 2021 bereits die beiden von der internationalen Presse hochgelobten Portrait-CDs „Kennst du das Land“ und „... wo die Zitronen blühn“ entstanden, im Frühjahr 2024 erscheint die dritte CD.


figure humaine Kammerchor © NB-Fotografie

Kammertänzer TAMAS DETRICH ist seit 2018 Ballettintendant, MIKHAIL AGREST seit 2020 Musikdirektor, MARTÍ FERNÁNDEZ PAIXÀ seit 2014 Mitglied und seit 2021 Erster Solist im Stuttgarter Ballett. FRANZISKA KLEIN ist Volontärin beim Bayerischen Rundfunk sowie freie Journalistin und freiberufliche Sängerin, unter anderem im figure humaine kammerchor, in dem auch SIMON MEDER, freiberuflicher Chorleiter und Organist sowie Gesangsstudent an der Hochschule für Musik Karlsruhe, singt.

 


Isabelle Métrope ist Sängerin, Chorleiterin und Chefredakteurin des International Choral Magazine. Sie hat angewandte Sprachen, Musikmanagement sowie Musikwissenschaft, Chorleitung und Gesangspädagogik studiert. Sie singt solistisch und in mehreren professionellen Chören. https://isabellemetrope.com / choralmagazine@ifcm.net


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