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Ton Koopman über die Matthäuspassion

Die Musik von Johann Sebastian Bach – insbesondere die Matthäus-Passion – zieht sich wie ein roter Faden durch meine Karriere als Musiker. Die Matthäus-Passion habe ich öfter aufgeführt als jedes andere Meisterwerk. Meine erste Begegnung mit ihr hatte ich vor etwa 70 Jahren. Ich führe sie immer noch regelmäßig auf, und jedes Mal ist es ein besonderes Ereignis. 



Es begann in meiner Heimatstadt Zwolle, wo ich im Extra-Kinderchor als Knabenalt sang. Wir hatten damals zehn Proben, um zwei Choräle einzustudieren: den Eingangschor und den Schlusschor des ersten Teils. Wir etwa 80 Knaben wurden dabei von lauter Klavierbegleitung drangsaliert. Bei der Generalprobe (mit zahlendem Publikum!) sangen und spielten die beiden Erwachsenenchöre (insgesamt etwa 120 Sänger) zum ersten Mal gemeinsam mit dem Kinderchor und einem echten Symphonieorchester, in der kalten Grote Kerk mit der berühmten Schnitger-Orgel in unserem Rücken (die übrigens bei 'Sind Blitze, sind Donner' alle Register zog!). Von einer echten Probe mit Orchester und Solisten konnte man da eigentlich nicht sprechen. Nur einmal gab es am Morgen eine gemeinsame Probe mit Solisten und Orchester. Mit so wenig Probenzeit würde ich mich heutzutage nicht mehr trauen, das Werk aufzuführen. Der damalige Dirigent Clemens Holthaus machte es nicht zum ersten Mal, aber auch für ihn war es aufregend.


Übrigens hatte mein Vater unseren Pfarrer gefragt, ob ein römisch-katholischer Junge in einer evangelischen Kirche singen dürfe. Zum Glück entgegnete dieser mit ökumenischer Einsicht: Es handelt sich doch um denselben Gott!


Meine nächste Erfahrung mit der MP war, dass ich den Basso continuo auf dem Cembalo spielen durfte. Da kein echtes Cembalo zur Verfügung stand, wurden Reißzwecken in die Hammerköpfe eines Steinway-Flügels gesteckt, was für viele wie ein "echtes Cembalo" klang! Das war in den 1950er Jahren... Ich durfte meist bei allem mitspielen. In der Kirche war nicht viel vom Cembalo zu hören (es war viel zu leise), aber der Dirigent sowie die Sänger und die in der Nähe sitzenden Orchestermusiker hörten es.


Dann begann ich, die MP mit meinem eigenen Barockorchester selbst zu dirigieren. Ich hatte keinerlei Ausbildung als Dirigent, es war learning by doing. Wir, meine Musiker und ich, fanden die Chöre und Arien wunderschön, die Rezitative und Choräle weit weniger. Die absolvierten wir daher in flottem Tempo. Im Laufe der 1980er Jahre führte ich die MP wieder auf, aber etwas langsamer. Das bescherte mir im Bach-Jahr 1985 diese außergewöhnliche Kritik: Der römisch-katholische Ton Koopman ist endlich dabei, das Wesen von Rezitativ und Choral zu verstehen!



Zwischen den Aufführungen der Matthäus-Passion in den 1950er und den Aufführungen mit dem Barockorchester in den 1970er und 1980er Jahren gab es bereits einen großen Unterschied in Bezug auf den Umfang von Chor und Orchester. Doch in den 1990er Jahren plädierte Joshua Rifkin dafür, alles kleiner zu machen. Seiner Meinung nach verfügte J.S. Bach nie über einen Chor. Er war für eine Aufführung mit einer kleinen Gruppe von Sängern. Ich war anderer Meinung und verteidigte meine Haltung in allen möglichen Podiumsdiskussionen und Artikeln. Dennoch gewannen Rifkin und sein Epigone A. Parrott in dieser Zeit einiges an Boden, obwohl sie sich aus meiner Sicht auf unsicherem Terrain befanden.


Wir wissen erst seit etwas über einem Jahr, wieviele Sänger J.S. Bach für seine Chöre angemessen fand. Als Leiter der Thomasschule war er für vier Chöre verantwortlich. Den ersten und besten Chor leitete er selbst, was es ihm ermöglichte, seine eigene Musik aufzuführen. Die anderen drei Chöre wurden von Assistenten geleitet und hatten weniger anspruchsvolle Musik zu singen. Und der vierte Chor musste gerade mal in der Lage sein, zusammen mit der Gemeinde zu singen.


Ein schöner Beweis tauchte übrigens erst Jahre später auf: Im Bach-Jahrbuch 2010 veröffentlichte Andreas Glöckner eine außergewöhnliche Entdeckung, die er in der Leipziger Universitätsbibliothek gemacht hatte: Er hatte eine Sopranstimme des Florilegium Portense gefunden, jene Notensammlung, aus der Bachs Chöre viele Stücke sangen, und in die alle Sopransängerinnen des Bach-Chores ihren Namen eingetragen hatten. Jede Stimme wurde nicht von nur ein oder zwei Sängerinnen gesungen, sondern von fünf bis acht! Das beweist, dass Bach mit einem richtigen Chor und nicht mit einer kleinen Gruppe von Solisten gearbeitet hat.


Ich habe die MP zweimal mit dem ABO aufgenommen, das erste Mal mit dem Chor der Nederlandse Bachvereniging, weil wir damals keinen eigenen Chor hatten, das zweite Mal mit der ABO&C. Diese Einspielung war eine Live-Aufnahme. Außerdem habe ich die MP des Öfteren mit modernen Orchestern aufgeführt. Zwischen diesen Aufnahmen gibt es zweifellos Unterschiede, aber eines haben sie gemeinsam: die Liebe zur Musik von J.S. Bach, diesem unfassbaren Genie. Ich habe immer danach gestrebt, seiner Musik so nahe wie möglich zu kommen, und das versuche ich noch heute. Ich hoffe, Bach wäre mit mir als seinem Schüler zufrieden.



Ton Koopman (*1944) ist Experte für Alte Musik und authentische Aufführungspraxis. Seit Jahrzehnten tritt er als Cembalist, Organist und Dirigent in den renommiertesten Konzertsälen der Welt auf. Als Organist spielte er auf den wichtigsten historischen Instrumenten Europas. 1979 gründete er das Amsterdam Baroque Orchestra (ABO), das 1992 um den Amsterdam Baroque Choir erweitert wurde. Mit seinem ABO&C erlangte er schnell große Bekanntheit und machte zahlreiche Schallplatten- und CD-Aufnahmen. Zwischen 1994 und 2004 spielte Ton Koopman mit seinem ABO&C alle Bach-Kantaten ein, danach die vollständigen Werke von dessen Vorgänger Dieterich Buxtehude. Koopman ist gefragter Gastdirigent bei modernen Orchestern. Er ist auch ein begnadeter Dozent: Er unterrichtete über 25 Jahre am Königlichen Konservatorium in Den Haag, ist emeritierter Professor der Universität Leiden und Ehrenmitglied der Royal Academy of Music in London. Ton Koopman ist Präsident der Internationalen Dieterich Buxtehude Gesellschaft und seit 2019 Präsident des Bach-Archivs in Leipzig.


Übersetzt aus dem Niederländischen von Reinhard Kißler, Deutschland

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